Kriegskind und Suizid. Wenn Trauer jahrzehntelang keinen Raum hat

Patricia Rind

Eine späte Trauerrede für eine Mutter und ihre Tochter

Schwarzweißes Foto eines leeren Friedhofswegs im weichen Licht. Weg führt gebogen zwischen Gräbern

Vor einiger Zeit hielt ich eine Trauerrede. Nach der Trauerfeierkam eine ältere Frau auf mich zu. Sie sagte mir, wie tröstlich sie meine Worte empfunden hatte, und fragte nach meiner Karte. Einige Tage später rief sie mich an. Sie fragte mich, ob ich bereit wäre, eine Trauerrede in einer sehr ungewöhnlichen Situation zu halten.

Es ging nicht um einen aktuellen Todesfall. Es ging um ihre Mutter. Um ein Grab, das aufgelöst werden sollte. Und um etwas, das seit Jahrzehnten offen geblieben war. Eine Geschichte, die mit Krieg begann, mit
Suizid endete und dazwischen nie einen Raum gefunden hatte. Nicht für Trauer. Nicht für Verständnis. Nicht für Worte.


Inhalte


  1. Eine Begegnung nach der Trauerfeier
  2. Die Mutter als Kriegskind und die unsichtbaren Folgen
  3. Leben mit Angst, Depression und Sprachlosigkeit
  4. Suizid und die verurteilende Trauerfeier
  5. Das Schweigen in der Familie
  6. Der Wunsch nach einem anderen Abschied
  7. Eine Trauerrede ohne Urteil
  8. Ein Ritual am Grab der Eltern
  9. Was Worte Jahrzehnte später bewirken können
  10. Wenn Kriegsgeschichten weiterwirken


Eine Begegnung nach der Trauerfeier


Vor einiger Zeit kam nach der Trauerfeier eine ältere Frau auf mich zu. Sie wartete, bis der erste Trubel vorbei war, bis die Gespräche leiser wurden und sich ein Moment ergab, der nicht mehr öffentlich war. Man merkte, dass sie diesen Schritt nicht spontan tat. Dass sie etwas in sich bewegte, das Zeit gebraucht hatte. Sie sagte mir, wie tröstlich sie meine Trauerrede empfunden hatte. Nicht als höfliches Lob, sondern als etwas, das sie sichtbar berührt hatte. Ihre Worte waren ruhig, aber voller Gewicht. Als hätte sich in ihr etwas geöffnet, das lange verschlossen gewesen war.

Sie fragte nach meiner Karte. Auch das tat sie nicht beiläufig. Einige Tage später rief sie mich an. In ihrer Stimme lag eine Mischung aus Entschlossenheit und Vorsicht. Sie erzählte mir, dass es ihr seit der Trauerfeier nicht mehr aus dem Kopf gegangen sei, was meine Worte in ihr ausgelöst hatten. Und dann stellte sie eine Frage, die zeigte, wie viel Mut sie aufbrachte. Ob ich bereit wäre, eine
Trauerrede in einer sehr ungewöhnlichen Situation zu halten. Es gehe nicht um einen aktuellen Todesfall. Es gehe um ihre Mutter. Und um eine Trauer, die nie einen Raum bekommen hatte.

Schon in diesem ersten Gespräch wurde deutlich, dass es um mehr ging als um ein Grab oder eine formale Abschiedssituation. Es ging um Jahrzehnte des Schweigens. Um eine Geschichte, die mit Krieg begann, mit
Suizid endete und dazwischen nicht begleitet wurde. Diese Begegnung nach der Trauerfeier war der Anfang einer besonderen Form von Trauerbegleitung. Einer Begleitung, die zeigt, dass Trauer nicht an Zeit gebunden ist. Und dass eine Trauerrede auch viele Jahre später noch Trost geben kann.

Die Mutter als Kriegskind und die unsichtbaren Folgen


Ihre Mutter war ein Kriegskind. Ihre Kindheit und Jugend waren geprägt von Verlust, Flucht und Gewalt. Sie hatte im Krieg alles verloren, was Sicherheit geben kann. Auf der Flucht wurde sie Opfer sexualisierter Gewalt. Danach lebte sie als Flüchtling im Lager. Bombenangriffe, Terror, Angst und das Gefühl, nirgends geschützt zu sein, bestimmten diese Jahre. Für ein Kind bedeutete das nicht nur einzelne traumatische Ereignisse, sondern ein dauerhaftes Leben im Ausnahmezustand.

Über dieses Erleben kam sie nie wirklich hinweg. Die Folgen begleiteten sie ein Leben lang. Sie litt unter Depressionen, unter
Panikattacken und tiefen Ängsten, die sie selbst kaum einordnen konnte. Damals sprach man nicht von Trauma. Es gab keine Sprache für das, was Kriegskinder innerlich mit sich trugen. Ihr Leiden wurde nicht benannt, nicht verstanden und nicht begleitet. Es blieb unsichtbar, obwohl es ihren Alltag prägte.

Auch in der Familie fehlten die Worte. Der Vater war überfordert, selbst gefangen in seinen eigenen Verletzungen aus Krieg und Nachkriegszeit. Man funktionierte. Man schwieg. Man machte weiter, so gut es ging. Für die Mutter bedeutete das, mit ihren Ängsten und ihrer inneren Not allein zu bleiben. Das, was sie erlebt hatte, durfte keinen Platz bekommen. Und genau dieses fehlende Verstehen wurde zu einer weiteren Belastung.

Diese Geschichte zeigt, wie Kriegskinder nicht nur durch das Erlebte selbst geprägt wurden, sondern auch durch das Schweigen danach. Die unsichtbaren Folgen des Krieges wirkten weiter. In Körpern. In Seelen. In Familien. Und sie erklären, warum manche Lebensgeschichten nicht einfach enden, sondern über Generationen hinweg nachwirken.

Leben mit Angst, Depression und Sprachlosigkeit


Das Leben der Mutter war über viele Jahre von Angst begleitet. Nicht als einzelne Phase, sondern als Grundton. Bestimmte Geräusche, bestimmte Situationen, bestimmte Gedanken konnten Panik auslösen. Ihr Körper reagierte, oft ohne Vorwarnung. Dazu kamen tiefe depressive Phasen. Zeiten, in denen alles schwer war und die Kraft fehlte, den Alltag als etwas Selbstverständliches zu erleben. Doch für all das gab es damals keine Worte. Angst galt als Schwäche. Depression als persönliches Versagen. Besonders bei Menschen, die den Krieg überlebt hatten, erwartete man Dankbarkeit und Funktionieren.

Niemand fragte nach inneren Verletzungen. Niemand erkannte, dass diese Ängste und diese Erschöpfung Spuren eines Überlebens waren. Stattdessen wurde geschwiegen. In der Familie. Im Umfeld. Auch sie selbst sprach kaum darüber. Nicht, weil sie nichts zu sagen gehabt hätte, sondern weil sie gelernt hatte, dass es dafür keinen Raum gab. Das Schweigen wurde zu einer zusätzlichen Last. Es isolierte. Es nahm die Möglichkeit, verstanden zu werden. Und es ließ sie mit ihren inneren Kämpfen allein.

Für die Tochter bedeutete dieses Schweigen, etwas zu spüren, das nie benannt wurde. Eine Spannung. Eine Traurigkeit. Eine Angst, die im Raum stand, ohne erklärt zu werden. Das ist eine Erfahrung, die viele Kinder von
Kriegskindern teilen. Sie wachsen mit Gefühlen auf, deren Ursprung sie nicht kennen. Und tragen Fragen, für die es lange keine Antworten gibt. In der Trauerbegleitung zeigt sich immer wieder, wie sehr diese Sprachlosigkeit über Generationen wirkt. Und wie entlastend es sein kann, wenn das Unsagbare endlich Worte bekommt.

Suizid und die verurteilende Trauerfeier


Die Mutter beging Suizid mit Ende vierzig. Viele Jahre ist das her. Doch für die Tochter ist dieser Moment bis heute nicht vergangen. Der Suizid war das Ende eines langen Leidens, das niemand wirklich gesehen oder verstanden hatte. Depressionen, Angstzustände, innere Erschöpfung hatten sie über Jahrzehnte begleitet. In einer Zeit, in der psychische Erkrankungen kaum benannt wurden und schon gar nicht begleitet. Statt Hilfe gab es Schweigen. Statt Verständnis oft Überforderung. Der Suizid kam für das Umfeld dennoch als Schock. Für die Tochter war er ein Bruch, der alles veränderte.

Was folgte, war eine Trauerfeier, die bis heute nachwirkt. Der Geistliche sprach nicht von Leid, nicht von Überforderung, nicht von einem Leben, das zu schwer geworden war. Er sprach von Sünde. Von Schuld. Von
Verdammung. Der Suizid wurde moralisch verurteilt. Die Mutter wurde nicht als Mensch gesehen, der nicht mehr konnte, sondern als jemand, der versagt hatte. Für die Tochter war das unerträglich. In einem Moment, in dem Trost notwendig gewesen wäre, wurde ihre Mutter öffentlich beschämt. Und sie selbst gleich mit.

Diese Worte brannten sich ein. Sie machten aus dem Tod der Mutter ein Tabu. Etwas, über das man nicht spricht. Etwas, das man versteckt. Der Suizid wurde zum Elefanten im Raum. In der Familie. Im Umfeld. Auch gegenüber dem Vater. Niemand fand
Worte, die Halt gegeben hätten. Stattdessen blieb ein Gefühl von Scham zurück. Und die tiefe Verunsicherung, ob man überhaupt trauern durfte. Diese Form der verurteilenden Trauerfeier ist für viele Hinterbliebene von Suizid bis heute eine zusätzliche Verletzung. Sie nimmt Raum. Sie nimmt Würde. Und sie erschwert Trauer über Jahrzehnte hinweg.

In der Trauerbegleitung zeigt sich immer wieder, wie zerstörerisch solche Erfahrungen sind. Nicht nur der Verlust selbst schmerzt, sondern auch die Art, wie darüber gesprochen wurde. Oder eben nicht gesprochen werden durfte. Suizid braucht keinen moralischen Zeigefinger. Er braucht Einordnung, Mitgefühl und den Mut, Leid auszuhalten, ohne zu richten. Genau das hat der Tochter damals gefehlt. Und genau deshalb blieb diese
Trauer so lange unbearbeitet.

Das Schweigen in der Familie


Nach dem Suizid der Mutter legte sich ein Schweigen über die Familie. Es war kein bewusstes Absprechen, sondern ein stilles Einverständnis, das Thema nicht zu berühren. Als würde Reden alles nur schlimmer machen. Der Tod der Mutter, die Art ihres Sterbens und die verletzenden Worte der Trauerfeier wurden zu etwas, das man umging. Man lebte weiter, funktionierte, hielt den Alltag aufrecht. Doch das Unausgesprochene blieb spürbar. In Blicken. In Spannungen. In Fragen, die nie gestellt wurden.

Für die Tochter bedeutete dieses Schweigen, mit ihren Gefühlen allein zu bleiben. Sie hatte Trauer,
Wut, Schuldgefühle und viele unbeantwortete Fragen. Doch es gab keinen Ort, an dem sie all das hätte aussprechen können. Auch der Vater war gefangen in seinen eigenen Verletzungen. Er hatte seine Frau verloren und war selbst überfordert. So entstand eine familiäre Sprachlosigkeit, die beide voneinander trennte, statt sie zu verbinden. Das Schweigen wurde zu einem Schutz und gleichzeitig zu einer Belastung.

Dieses Muster ist in vielen Familien von
Kriegskindern zu finden. Leid wird nicht benannt, weil man gelernt hat, es auszuhalten. Gefühle werden zurückgestellt, um zu überleben. Doch für die nächste Generation bedeutet das, in einer Atmosphäre aufzuwachsen, in der Schmerz präsent ist, aber keinen Ausdruck findet. In der Trauerbegleitung zeigt sich immer wieder, wie sehr dieses Schweigen nachwirkt. Es verhindert Trauer. Es verhindert Verständnis. Und es kann dazu führen, dass Menschen Jahrzehnte später noch das Gefühl haben, etwas nicht abschließen zu können.

Erst viele Jahre später begann die Tochter, dieses Schweigen zu hinterfragen. Zu spüren, dass es sie schützte und gleichzeitig gefangen hielt. Und dass es vielleicht einen anderen Weg geben könnte. Einen Weg, der Worte zulässt. Auch spät. Auch vorsichtig. Auch mit all der Angst, die damit verbunden ist.

Der Wunsch nach einem anderen Abschied


Viele Jahre blieb alles so, wie es war. Das Grab der Mutter war da. Später kam der Vater dazu. Auch er starb viele Jahre nach ihr und wurde im selben Grab beigesetzt. Als nun absehbar wurde, dass dieses Grab aufgelöst werden sollte, merkte die Tochter, dass es ihr nicht um den Ort ging. Es ging um etwas, das bis heute offen geblieben war. Um den Abschied von der Mutter, der damals nicht getragen hatte. Und um einen Abschied von beiden Eltern, der nie wirklich in Würde möglich gewesen war.

Der Vater war zu diesem Zeitpunkt längst tot. Gespräche mit ihm waren nicht mehr möglich. Fragen blieben unbeantwortet. Das Schweigen der Familie hatte sich über Jahrzehnte gelegt und war endgültig geworden. Gerade das machte die Situation so schwer. Mit der Auflösung des Grabes drohte nicht nur ein Ort zu verschwinden, sondern auch die letzte Möglichkeit, etwas innerlich zu ordnen. Die Tochter spürte, dass sie diesen Schritt nicht gehen konnte, ohne dem Geschehenen etwas entgegenzusetzen.

In dieser Zeit suchte sie sich therapeutische Unterstützung. Nicht, weil etwas Neues passiert war, sondern weil das Alte sich wieder meldete. Im Gespräch wurde deutlich, wie sehr die verurteilende Trauerfeier der Mutter bis heute nachwirkte. Wie sehr sie das Bild der Mutter verzerrt hatte. Und wie sehr das Schweigen danach alles offen gelassen hatte. Der Therapeut machte einen ungewöhnlichen Vorschlag. Dieser Abschied müsse nicht so stehen bleiben. Man könne ihm etwas entgegensetzen. Eine andere
Trauerrede. Einen anderen Rahmen. Einen Moment, der nicht richtet, sondern versteht.

So entstand der Wunsch nach einer späten
Trauerrede am Grab beider Eltern. Einer Rede, die die Mutter sieht, mit ihrem Leid, ihrer Geschichte und ihrer Überforderung. Und die zugleich den Vater mit einbezieht, ohne die Verletzungen zu verschweigen. Für die Tochter war das ein großer Schritt. Er bedeutete, sich dem zu stellen, was so lange keinen Raum hatte. Doch zugleich war da die Hoffnung, dass sich etwas lösen könnte. Dass ein Abschied möglich wird, der nicht beschämt, sondern trägt.

Eine Trauerrede ohne Urteil


Als wir uns trafen, war mir schnell klar, dass diese Trauerrede etwas anderes brauchte als das, was die Tochter damals erlebt hatte. Kein Urteil. Keine moralische Einordnung. Kein Blick von oben. Sondern ein behutsames Hinsehen. Auf das Leben der Mutter. Auf das, was der Krieg aus ihr gemacht hatte. Und auf das, was sie dennoch getragen hatte, so lange es ihr möglich war.

In dieser Trauerrede ging es für mich nicht darum, den Suizid zu erklären oder zu rechtfertigen. Es ging darum, ihn einzuordnen. Als Ausdruck einer Überforderung, die über Jahrzehnte gewachsen war. Als Folge von Kriegserfahrungen, von Gewalt, von Angst und von einer Zeit, in der es keine Sprache für seelische Not gab. Ich halte
Trauerreden ohne Urteil. Ich benenne Leid, ohne es zu bewerten. Ich lasse stehen, dass ein Mensch nicht mehr konnte, ohne daraus Schuld abzuleiten.

Für die Tochter war es wichtig, dass das Leben ihrer Mutter sichtbar wurde. Nicht nur ihr Tod. Ihre Stärke. Ihre Verletzlichkeit. Ihre Liebe. Ihre Versuche, weiterzumachen. Und auch ihre Grenzen. In meiner Arbeit als Trauerrednerin und in der Trauerbegleitung erlebe ich immer wieder, wie entlastend es ist, wenn ein Leben in seiner ganzen Wahrheit benannt wird. Ohne Beschönigung. Aber auch ohne Verurteilung.

Diese Trauerrede war bewusst ein Gegenentwurf zu dem, was die Tochter Jahrzehnte zuvor erlebt hatte. Ich habe einen Raum gehalten, in dem
Trauer sein durfte. In dem Mitgefühl möglich wurde. Und in dem das Leben der Mutter gewürdigt wurde, ohne dass ihr Leid moralisch aufgeladen wurde. Für viele Hinterbliebene nach Suizid ist genau das entscheidend. Nicht bewertet zu werden. Sondern verstanden.

Ein Ritual am Grab der Eltern


Die Trauerrede hielt ich am Grab der Eltern. Nicht als große öffentliche Feier, sondern in einem kleinen, geschützten Kreis. Familie. Einige enge Freunde. Menschen, die wussten, warum dieser Moment so wichtig war. Es war kein Ersatz für das, was damals gefehlt hatte. Es war etwas Eigenes. Ein bewusster Schritt, viele Jahre später, um dem Geschehenen endlich einen anderen Rahmen zu geben.

Die Tochter hatte einen klaren Wunsch. Sie wollte einen tröstenden
Bibelvers hören. Nicht aus Gewohnheit. Nicht aus Pflichtgefühl. Sondern bewusst als Gegenpol zu dem, was sie damals erlebt hatte. Damals waren Bibelworte benutzt worden, um zu verurteilen und zu beschämen. Jetzt sollten sie etwas anderes tun. Tragen. Nähe spürbar machen. Trost ermöglichen.

Ich wählte den Vers gemeinsam mit ihr. Psalm 34,19. "Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben". Dieser Satz steht nicht über dem Leben. Er erklärt nichts weg. Er bewertet nicht. Er sagt nur, dass Nähe dort ist, wo Menschen innerlich zerbrochen sind. Genau das brauchte dieser Moment.

Ich habe den Vers nicht als Abschluss gesprochen, sondern eingebettet.
Als Teil der Rede. Als tröstende Zusage mitten im Erzählen. Neben der Geschichte der Mutter. Neben ihrem Leid. Neben dem Suizid, der benannt wurde, ohne verurteilt zu werden. Der Vers wurde so zu einem Gegenbild zu den verletzenden Worten von damals. Nicht laut. Aber klar.


Ich sprach über das Leben der Mutter. Über ihre Kriegserfahrungen. Über das, was sie getragen hatte und was sie erschöpft hatte. Ich benannte den Suizid, ohne ihn zu verurteilen. Ich ordnete ein, ohne zu erklären. Und der Bibelvers war Teil dieses Rahmens. Nicht als Antwort. Sondern als Zusage. Dass Trost möglich ist. Auch spät. Auch nach Jahrzehnten.


Für die Tochter war dieser Moment tief tröstlich. Zum ersten Mal hörte sie an diesem Ort Worte, die ihre Mutter nicht beschämten, sondern ihr Mitgefühl entgegenbrachten. Worte, die anerkannten, wie schwer das Leben gewesen war. In meiner Arbeit als Trauerrednerin erlebe ich immer wieder, wie heilsam es sein kann, religiöse Texte aus einem Kontext der Schuld zu lösen und ihnen ihre ursprüngliche Kraft zurückzugeben. Genau das ist an diesem Grab geschehen.

Was Worte Jahrzehnte später bewirken können


Nach der Trauerrede kam die Tochter zu mir. Sie nahm mich in den Arm und sagte einen Satz, den ich nicht vergessen werde. "Jetzt kann ich meine Mutter ruhigen Gewissens gehen lassen". In diesen Worten lag keine Erleichterung darüber, dass etwas abgeschlossen ist. Sondern die spürbare Erfahrung, dass etwas Schweres endlich getragen worden war. Dass die Schuld, die ihr so lange aufgeladen worden war, nicht mehr allein bei ihr lag.

Worte können Jahrzehnte später etwas bewegen, was lange festsaß. Nicht, weil sie die Vergangenheit verändern. Sondern weil sie ihr eine andere Deutung geben. In diesem Fall konnten Worte etwas benennen, das damals keinen Platz hatte. Das Leid der Mutter. Die Überforderung. Die Gewalt des Krieges. Und die Tatsache, dass ein Suizid nicht aus moralischem Versagen entsteht, sondern aus einem Zustand, in dem ein Mensch keinen anderen Ausweg mehr sieht.

Für die Tochter bedeutete diese Trauerrede, dass ihre eigene
Trauer endlich erlaubt war. Ohne Scham. Ohne Rechtfertigung. Ohne das Gefühl, sich erklären zu müssen. Die Mutter durfte als Mensch gesehen werden, nicht als Mahnung. Und die Tochter durfte sich als Hinterbliebene fühlen, nicht als jemand, der etwas mittragen muss, wofür sie keine Verantwortung hatte.

In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie stark solche späten Worte wirken können.
Trauer ist nicht an Zeit gebunden. Sie verschwindet nicht, nur weil Jahre vergangen sind. Manchmal braucht es Abstand, Reife und einen sicheren Rahmen, um das Unausgesprochene zuzulassen. Wenn dieser Rahmen entsteht, können Worte etwas lösen, was lange unberührbar schien. Sie schaffen Verbindung. Sie nehmen Last. Und sie eröffnen einen Weg, der auch nach Jahrzehnten noch heilend sein kann.

Wenn Kriegsgeschichten weiterwirken


Diese Geschichte endet nicht mit dem Tod der Mutter. Sie endet auch nicht mit dem Suizid. Sie wirkt weiter. In der Tochter. In ihrem Körper. In ihren Fragen. In der langen Suche nach einem anderen Umgang mit dem, was Krieg angerichtet hat. Krieg hört nicht auf, wenn Waffen schweigen. Er bleibt in Biografien. In Familien. In Formen von Schweigen, Angst und Schuld, die über Generationen weitergegeben werden.

Die Mutter war ein
Kriegskind. Ihr Leben wurde früh von Gewalt, Verlust und Überforderung geprägt. Der Suizid war kein isoliertes Ereignis, sondern Teil dieser langen Wirkungskette. Für die Tochter bedeutete das, mit einer Geschichte aufzuwachsen, die nie erzählt werden durfte. Und genau dieses Nicht Erzählen wurde selbst zu einer Form von Weitergabe. In der Trauerbegleitung zeigt sich immer wieder, wie sehr ungeklärte Kriegserfahrungen das Leben der nächsten Generation beeinflussen. Auch dann, wenn niemand mehr über den Krieg spricht.

Was hier geschehen ist, steht stellvertretend für viele Familien. Für Kinder von Kriegskindern. Für Menschen, die spüren, dass etwas in ihrer Geschichte nicht abgeschlossen ist, obwohl die Ereignisse lange zurückliegen. Kriegsgeschichten wirken weiter, solange sie keinen Raum bekommen. Solange Leid beschämt wird. Solange Suizid moralisch bewertet wird statt menschlich eingeordnet.

Diese späte Trauerrede hat nichts ungeschehen gemacht. Aber sie hat etwas sichtbar gemacht. Dass es möglich ist, Kriegsgeschichten anders zu erzählen. Mit Würde. Mit Mitgefühl. Und ohne Urteil. Manchmal braucht es dafür Jahrzehnte. Und manchmal braucht es Worte, die damals gefehlt haben.

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